Farnheim
02.04.2021, 22:15

+35War gut, ist gut, bleibt gut (Achtung, es gibt viel zu lesen!)

Einen vorösterlichen guten Abend in die Runde,

die Feuerwehr Farnheim kann nicht nur Limestürme löschen, versunkene Autos aus Hafenbecken bergen, lebensmüde Personen von fatalen Entscheidungen abhalten und auf Ausstellungen den Brandschutz sicherstellen. Nein, sie kann auch Historik. Das hat sie zum einen mit dem ältesten Farnheimer Feuerlöschgefährt bewiesen und will es heute in Form dreier, weiterer technischer Schätzchen erneut tun.

Die Feuerwehr Farnheim verfügt seit 2008 auch über eine eigene als Feuerwehrhistorik eingegliederte Abteilung des Brand- und Katastrophenschutzamt 37 der Stadtverwaltung Farnheim, die sich mit aller Sorgfalt um ihr geschichtliche Erbe kümmert, es pflegt, aktualisiert und jedem, der sich dafür interessiert, zur Verfügung stellt. Sie liefert Material für Festschriften, organisiert Ausstellungen und Events. Aktuell ist das Team der Abteilung intensiv in die Planungen eines zukünftigen Feuerwehrmuseums involviert, das in wenigen Jahren für die Besucher öffnen soll. Teil dieser Abteilung sind auch MitarbeiterInnen der Abt. Technik und Fachpersonal der Zentralwerkstätten. Sie kümmern sich bei erhaltenswerten außer Dienst gestellten Fahrzeugen um die technische Aufbereitung und Restauration, Ersatzteilbeschaffung und Ausrüstung sowie Pflege und Wartung von ausstellungsfähigen Fahrzeugen. Drei von ihnen möchte ich heute etwas ausführlicher vorstellen.

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Damals wie heute eilte der Zugführer mit seinem Fahrer dem Löschzug voraus, um meist als erster an der Einsatzstelle einzutreffen und die Lage zu erkunden. In den 1960er und 1970er Jahren setzte die Berufsfeuerwehr dazu geräumige Kombis ein. SUVs waren schließlich noch nicht erfunden und Kleintransporter hatten sich bis dahin für eine Einsatzleitung vor Ort noch nicht wirklich etabliert. 1966 beschaffte die Feuerwehr zweckgebunden sechs Kombis vom Typ Consol der Steinstedter Automobil- und Motorenwerke, kurz Stamo als sog. Einsatzleitwagen, kurz ELW. Der 1,6-Liter-Motor leistete 73 PS und das Fahrverhalten ist nach heutigem Verständnis eher als schaukelig oder schwammig zu beschreiben. Dennoch leistete der Stamo Consol gute Dienste, da er sehr zuverlässig war. Jedoch nagte aufgrund der damals nicht existenten Rostvorsorge der Lochfraß stark an ihm. Insbesondere die Mitarbeiter in der Zentralwerkstatt spotteten, dass, wenn man ein Loch geflickt hatte, anderswo zwei neue auftaten. So gingen sie zwischen 1975 und 1979 auch außer Dienst. Ein Fahrzeug konnte die Feuerwehr allerdings vor dem sicher geglaubten Rosttod bewahren und als Ausstellungsexemplar im authentischen Farbkleid in die Gegenwart hinüberretten:

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Ein weiteres historisches Exponat ist die nachfolgende Drehleiter aus dem Jahr 1968 und damit, neben dem ELW, wesentlicher Teil eines komplett restaurierten Löschzuges jener Zeit. Dieses Fahrzeug wurde auf einem damals weitverbreiteten sog. Eckhauber-Fahrgestell aufgebaut und wird seither von einem unverwüstlichen 6-Zylinder-Diesel angetrieben, der 150 PS leistet. Gleich mehrere mehr oder weniger augenscheinliche Besonderheiten zeichnet dieses Fahrzeug aus, von dem die Berufsfeuerwehr Ende der 1960er Jahre insgesamt sechs baugleiche Exemplare beschaffte. Ungewöhnlich ist bspw. die kurze Fahrerhauskabine für nur einen Trupp (1/2). Die Mehrzahl der damals ausgelieferten Drehleitern verfügten nämlich über eine Staffelkabine für eine Besatzung von 1/5 Personen. Die größte Besonderheit ist allerdings der mitgeführte Rettungskorb. Damals in Farnheim ein Novum. Dieser ruht während der Fahrt seitlich am Leiterstuhl und muss(te) jedes Mal am Einsatzort zunächst von zwei Feuerwehrleuten eingehangen und gesichert werden, ehe die Personenrettung oder Brandbekämpfung beginnen kann bzw. konnte. Heute unvorstellbar. Wie alle Fahrzeuge der Feuerwehr Farnheim aus jener Zeit, wurden auch die Drehleitern zur verbesserten Wahrnehmung im Straßenverkehr mit weiß abgesetzten Fahrzeugecken, Kotflügeln sowie Dachflächen versehen. Die Lackierung basiert im Wesentlichen auf dem Frankfurter-Farbschema, das der Visionär und damalige Leiter der hiesigen Berufsfeuerwehr Ernst Achilles entwickelte.

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So sah die Drehleiter übrigens noch für den Maus-Geburtstags-Bauwettbewerb aus.

Das dritte Fahrzeug im Bunde, ein Sonderlöschfahrzeug, kurz SLF, kann mit Fug und Recht auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Dazu aber später mehr. Lange bevor es in Serie gefertige Großtanklöschfahrzeuge speziell für den urbanen Raum gab, besaß die Berufsfeuerwehr Farnheim bereits ein erstes, für große Brände ausgerichtetes Sonderfahrzeug. Rechtzeitig
fertiggestellt und endabgenommen konnte es 1972 auf der Interschutz in Frankfurt am Main dem interessierten Fachpublikum vorgestellt werden.

Das Fahrzeug war für damalige, städtische Verhältnisse ein echter Löschriese. Der Aufbau war zunächst eine Einzelanfertigung und wurde extra nach den Bedürfnissen der Farnheimer
Feuerwehr geplant und realisiert. Die Brandbekämpfung im Allgemeinen sah seinerzeit vor, den Löschangriff über die damalig weitverbreiteten Standard-LF 16 vorzunehmen. Wenn also mal wieder ein großer Schuppen mit Stückgut im Hafen niederbrannte, brauchte man also zahlreiche von ihnen. Unterstützt wurden sie, je nach Alarmierungsgrad durch sog. Zubringerlöschfahrzeuge (intern Wasserkühe genannt), die einzig mit größeren Löschmittelmengen beladen waren. Das neue Fahrzeug galt als wesentliche technische und einsatztaktische Weiterentwicklung dieser Zubringerlöschfahrzeuge. Die Tanks des neuen SLF 48/60-10, so die exakte Bezeichnung, fassten 6.000 L Wasser und 1.000 L Schaum. Die auf hohen Wasserdurchfluss aus gerichtete Kreiselpumpe förderte 4.800 L in der Minute und der gewaltige kombinierte Schaum-Wasserwerfer, der vom Fahrzeuginneren aus bedient werden konnte, schoss rund 3.000 L Löschmittel/Minute etwa 70 Meter weit dem Brandherd entgegen.

Der Fahrzeugtyp bewährte in der Einsatzpraxis so gut, dass die Feuerwehr im folgenden Jahr noch ein weiteres Fahrzeug in Auftrag gab. Heute steht die Fahrzeuggattung gewissermaßen in dritter Generation im Einsatzdienst. 1990 erfolgte mit der Beschaffung zweier Nachfolger die schrittweise Ausmusterung der Fahrzeuge, zu der sie zunächst bis 1993 als Reservere fungierten, ehe sie schlussendlich außer Dienst gingen. 1995 wurde eines der beiden Fahrzeuge an einen kleinen Flugplatz in Hessen verkauft, das zweite Fahrzeug ging als Schenkung an eine Feuerwehr in Kroatien. Dort wurde es nach einigen Dienstjahren kurz nach der Jahrtausendwende offenbar verschrottet, denn hier verliert sich die Spur. Als die im Jahr 2008 neugegründete Abteilung der Feuerwehrhistorik begann nach dem Verbleib einiger ehemaliger Fahrzeuge zu forschen, stieß man bei der Recherche bei einem Händler für gebrauchte Nutzfahrzeuge in Bayern auf das erste SLF, das mittlerweile in einem bemitleidenswerten Zustand war. Nachdem der Ursprung aus Farnheim zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte und man mit dem Händler handelseinig wurde, holte man das Fahrzeug wieder zurück an die Jade. In über vielen hundert Stunden Sanierung und Restaurierung erstrahlt das erste Sonderlöschfahrzeug der Feuerwehr heute wieder stolz im Auslieferungszustand von 1972 und darf neben vielen anderen Exponaten in dem künftigen neuen Feuerwehrmuseum bestaunt und seine wechselhafte Geschichte erfahren werden.

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Ich hoffe, der üppige geschichtliche Ausflug hat unterhalten und gefallen.

Und nun zurück in die angeschlossenen Funkhäuser.

Ich wünsche Euch bunte Eier.

Tatütata,
Maik


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Zypper
03.04.2021, 11:16

Als Antwort auf den Beitrag von Farnheim

Gefallen

Hi, Maik,

Ich hoffe, der üppige geschichtliche Ausflug hat unterhalten und gefallen.

Also mir ja, was sag ich: Ich bin begeistert! Du verstehst es nach wie vor, einem - mit Verlaub: vermeintlich kleinen - Thema wie "4w" neue Aspekte, will sagen: Neue MOCs abzugewinnen und diese in einem Stil zu präsentieren, der beim Lesen Spaß macht. Hinzu kommt, wie du deine Modelle fotografisch ins Licht rückst. Da hilft nur: Käffchen machen, zurücklehnen und genießen.

Sag mal, du hattest vor Jahr und Tag doch mal einen Einblick in dein Fotostudio gewährt: Hast den Beitrag noch? Link genügt. Würde mich freuen!

Österlichen Frieden Dir und den Deinen
und allen anderen selbstverständlich auch!

Grüßle
Zypper


Mit Gruß und Dank
Zypper

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MTM
03.04.2021, 11:37

Als Antwort auf den Beitrag von Farnheim

Re: War gut, ist gut, bleibt gut (Achtung, es gibt viel zu lesen!)

Hallo Maik,

die Feuerwehr Farnheim kann nicht nur Limestürme löschen,


Ich hab mich gewundert, was "Lime-Stürme" sind, die es zu löschen gilt. Hätte ich mal gleich auf den Link geklickt.

MTM



Farnheim
05.04.2021, 16:06

Als Antwort auf den Beitrag von MTM

Re: War gut, ist gut, bleibt gut (Achtung, es gibt viel zu lesen!)

Hi Micha,

das erinnert mich an: "Wir essen Opa!", was eigentlich "Wir essen, Opa!" heißen soll. Satzzeichen retten leben. Und in dem speziellen Fall tun es Bindestriche. Du hast recht, es liest sich missverständlich.

Ich gelobe Besserung...

Viele Grüße,
Maik


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Farnheim
05.04.2021, 16:27

Als Antwort auf den Beitrag von Zypper

Re: Gefallen

Hallo Andreas,

das freut mich, dass Dir der modellhistorische Ausflug gefällt. Feuerwehr ist im Allgemeinen für Nicht-Insider meist ein eher sperriges Thema. Dabei ist der Begriff "Feuerwehr" für die Tätigkeiten, die eine moderne Wehr heutzutage ausübt, nicht mehr zeitgemäß. Feuerlöschen wurde in den vielen Jahren bis heute fast schon zur Nebensache.

In Sachen Einblick in mein "Fotostudio" kann ich Dir leider nicht weiterhelfen, außer, dass ich für meine Fotos meist einen Fototisch benutze. Ausgestattet mit Tageslichtlampen ist die Auflagefläche gerade hinreichend groß für meine kleinen Modelle. Mein Tisch hat die Zirka-Abmaße (inkl. Lampengestelle und sonstige Auskragungen etc.) von 60 x 60 x 50 cm (B x H x T) und ist von der Firma Kaiser. Hope that helps...

Viele Grüße,
Maik


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