Zypper
06.04.2021, 20:59

+5Projekt 366: Kugeliges

027 – Ein Ballgefängnis

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Nur wenige Erwachsene widerstehen der Versuchung, das Ding in die Hand zu nehmen und wie eine Rassel zu bewegen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie fasziniert man davon sein kann.

051 – Ein Spielball

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Ähnlich wie mit dem Ballgefängnis verhält es sich mit diesem Spielball. Das Grundgerüst habe ich bei den Brixembourg 2019 in Junglinster auf dem Stand von meinem lieben Kollegen und Namensvetter „Bastelandy“ gesehen. Da es öfter vorkommt, dass wir brauchbare Ideen des anderen freundlich „adoptieren“ und in unsere kleinen Welten einbauen, war es auch diesmal keine Überraschung, dass ich einen starken Drang des „Habenwollens“ verspürte. Mein weiterentwickelnder Beitrag ist die Einkapselung der altdunkelgrauen Duplo-Kugel, womit ich eine Rassel erhalte, die ich am Stand auch sehr kleinen Kindern, die schon gezielt greifen können, anbieten kann – zur Freude der Mütter. Mit deutlich Älteren lässt sich damit das sogenannte „Mittelfingerspiel“ spielen (es gibt auch eine etwas vulgärere, englischsprachige Betitelung …), und das geht so: Man wirft sich diesen Ball so zu, dass man mit dem Mittelfinger sowohl wirft als auch auffängt. Klingt schwierig? Ist es auch! Macht aber Spaß und ist eines meiner niedrigschwelligen Einladungen zum Mitmachen. Gerade Jugendliche lieben es, den „erwachsenen Namen“ des Spiels zu erfahren, insbesondere, wenn die Mama gerade weghört. Mit meiner Tochter Yolanda und den Schmidt-Kindern habe ich es erstmals bei den Bricking Bavaria 2019 in Fürth mit Riesengaudi vor dem MoRaSt-Stand gespielt.

121 –Kugelobjekt mit Rassel

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Zur gleichen Gattung wie der Spielball und das Ballgefängnis gehört dieses Objekt. Etwas anspruchsvoller konstruiert, ist es naturgemäß ein wenig anfälliger und eignet sich nicht für groben Umgang. In der transparenten Kugel kann eine weitere Kugel untergebracht werden. Aus dem Bionicle-Umfeld kann ich auch eine speziell geformte Kugel nehmen, die leicht „zerbrechen“ und dann drei so wabbelige Gummiböppel mit einem Kreuzloch in der Mitte freigeben - weiß jemand, wie die heißen? Insgesamt wird dieses Objekt auf Ausstellungen mit großem Respekt behandelt.

157 – Eine Zauberkugel 1

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Bei diesem Objekt mach ich mal eine Ausnahme und weise die Anzahl der verwendeten Steine nach: Jedes „Kreuz“ besteht aus 17 Steinen, jeder Verbinder aus 5.

Es entsteht eines der Objekte, mit denen ich auf Ausstellungen bei Bedarf die sogenannte „Schlangenbeschwörung“ vornehme, also dem einige Zeit vor der Hallenöffnung draußen wartenden Publikum ein wenig die Zeit vertreibe. Dazu nehme ich dieses Objekt, das nach und nach eine Kugelform einnehmen wird, und halte es vorzugsweise stumm einem "ahnungslosen" Kind hin. Dies darf frei entscheiden, was es mit dem Objekt anstellt.

178 – Eine Zauberkugel 2

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Der erste Ring ist mit jeweils 8 „Kreuzen“ zu 17 und 8 Verbindern zu je 5 Steinen geschlossen. Die Kugel in der Mitte symbolisiert als Modell die angestrebte Form.

Je nach Offenheit und Alter des Kindes hocke ich mich bei der „Schlangenbeschwörung“ nach Übergabe der Zauberkugel auf Kinderaugenhöhe und spreche einen mehr oder weniger poetischen Text, beispielsweise:

„Kindheit ist das was irgendwann gewesen ist und aus dem Traum nun hängt ein Faden Fesselrest, den man zersprengen kann und nie zersprengt.“ (Jan Skácel)

Danach gewinne ich die Kugel zurück und gehe zum nächsten wartenden Kind bzw Jugendlichen.

229 – Die Zauberkugel 3

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Ahnt man schon, in welche Richtung es geht mit der „Kugel“? Mich reizt es ja bekanntlich, dem von Haus aus „eckigen“ Material etwas Rundes abzugewinnen. Die mit dem transorangenen Rundeiner versehenen Zwischenstücke sollen diesen Eindruck unterstützen.

Oder ich rezitiere bei der „Schlangenbeschwörung“ einen Satz von Hilde Domin:
„Manche glauben noch, sie kommen durch, wenn sie ganz still sind.“

Hier als Schriftzug für das gleichnamige MoRaSt-III-Projekt:

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262 – Die Zauberkugel 4

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Erkennbar bzw naheliegend ist, dass man aus diesem bisherigen Gebilde leicht eine Art „Krone“ herstellen kann, beispielsweise für das Gastgeberkind, wenn ich mit meinem Programm unter der Flagge unseres Vereins Schwabenstein 2x4 e.V. zu einem Kindergeburtstag eingeladen bin. So eine Krone habe ich natürlich längst im Gepäck.

Bei der „Schlangenbeschwörung“ aber geht es um die Präsentation dieser Zauberkugel sowie von sinnfälligen Zitaten aus der Welt der Literatur. Zu meinen Lieblingsdichterinnen gehört Ingeborg Bachmann, die in ihrer Frühzeit einmal in dem Gedicht „Nach schweren Tagen“ geschrieben hat:

Freisein! Eine einzige Stunde! Frei! Fern!

272 – Die Zauberkugel 5

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Zu meinen erklärten Favoritentexten für die „Schlangenbeschwörung“ gehört jedoch ein Auszug aus dem „Bericht für eine Akademie“ vom verkannten Humoristen Franz Kafka:

„Spucken konnte ich schon in den ersten Tagen, wir spuckten einander dann gegenseitig ins Gesicht. Der Unterschied war, dass ich mein Gesicht nachher reinleckte, sie aber ihres nicht.“

Vorzugsweise bei Jungs im geeigneten Alter kommt dieser Satz hervorragend an. Er ist manchen schon derart zuverlässig im Hirn haften geblieben, dass mir später am Stand Bruchstücke dieser Sentenz nacherzählt wurden. Das freut mich dann besonders, wenn etwas „angekommen“ ist von dem, was ich da verbreite. Es ist für mich Teil eines erweiterten Kunstbegriffs nach Beuys, den ich mir damit aneigne.

304 – Die Zauberkugel 6

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Ein weiteres Kafka-Zitat, das meiner Meinung nach besonders gut in den Zusammenhang mit der „Schlangenbeschwörung“ passt, ist ebenfalls aus dem „Bericht für eine Akademie“:

Ich sah diese Menschen auf und ab gehen, immer die gleichen Gesichter, die gleichen Bewegungen, oft schien es mir, als wäre es nur einer …“


In Hamburg-Sankt Pauli haben die Gastgeber der „Floating Bricks 2019“ meine Vor-Show gern in Anspruch genommen. Begleitet wurde ich dabei von meiner Tochter Yolanda, die während meines Ganges durchs wartende Publikum auf der Flöte spielte. Was dem Ganzen einen weiteren kulturellen Aspekt beifügte.

331 – Die Zauberkugel 7

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Überflüssig zu erwähnen, dass Aktionen wie die „Schlangenbeschwörung“, bei der diese Kugel (die ich leider nicht vollendet kriege im Laufe dieses Jahres …) durchaus nicht von allen "verstanden" werden. Völlig abgesehen davon, dass die Begriffe „Verstehen“ und „Kunst“ keine immer restlos glückliche Beziehung pflegen, begreife ich es nicht als meine Aufgabe, hier irgendwem irgendwas von meinem Werk zu "erklären". Jedes Kunstwerk, jede Kunstaktion ist in vorderster Linie erstmal da, anwesend, existent. Punkt. Eine weitverbreitete Reaktion ist leider: Was ich nicht verstehe, lehne ich ab - statt ein Etwas zunächst einmal stehen und auf sich wirken zu lassen. Jedes Kunstwerk ist vorrangig da für die Auseinandersetzung mit dem Betrachter, wie ich finde. Egal, wie dessen Reaktion auch ausfällt, Hauptsache: eine Reaktion! Bei einer weiteren Ausstellung in Hamburg wurde ich von einem Schwarm Schulmädchen bei meiner Aktion herzhaft ausgelacht. Das hat mich doch sehr amüsiert, und wenn ich die Augen schließe, sehe ich diese erfrischenden Mädels noch sehr lebendig vor mir. Ich habe bei ihnen mehr erreicht als bei allen, die einfach stumm weiterstiefeln.

343 – Die Zauberkugel 8

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Aber ich wollte diesen Zyklus mit der Zauberkugel nicht so miesepetrig abschließen wie es den Anschein gehabt haben mag. Mir geht es darum, dass diese Art Kunst, wie ich sie verstehe, hauptsächlich Spaß machen soll: Mir beim Schaffen und bei Besuchern beim Annehmen. Ich verlange dafür nicht mehr Toleranz als ich sie meinen Mitmenschen und Zeitgenossen gegenüber ebenfalls aufzubringen mich jeden Tag aufs Neue bemühe. Es mag dahingestellt sein, ob das unter Umständen im Einzelfall zuviel verlangt ist.


Mit Gruß und Dank
Zypper

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Mitglieder, denen dieses MOC gefällt:

Ferdinand , IngoAlthoefer , Andor , mcjw-s , Erwin77 (5 Mitglieder)

IngoAlthoefer
07.04.2021, 09:10

Als Antwort auf den Beitrag von Zypper

Re: Projekt 366: Kugeliges

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Hallo Andreas,

sehr schöne Gebilde.

In der Chemie gibt es die Fullerene als bekannteste Klasse
hohler geschlossener Moleküle.
https://de.wikipedia.org/wiki/Fullerene

* Man kann medizinische Wirkstoffe in Fullerene packen.
Erst mit dem Auflösen der Fullerene im Körper werden diese
nach und nach aktiv.

* Es gibt Untersuchungen, dass sich die Halbwertzahlen radioaktiver
Verbindungen verlängern, wenn man die Atome/Moleküle in Fullerene
stopft.

Ingo.

PS. Wo genau findet sich das Zitat von Hilde Domin?
Das passt nämlich auch für viele Schüler im Matheunterricht.


Mein MoC ist fertig, wenn ich nichts mehr wegnehmen mag.


Zypper
07.04.2021, 11:11

Als Antwort auf den Beitrag von IngoAlthoefer

Domin und so...

Hi,Ingo,

IngoAlthoefer hat geschrieben:


sehr schöne Gebilde.


Danke sehr! Freut mich, dass sie dir und anderen gefallen!

IngoAlthoefer hat geschrieben:

An dem rotierenden Etwas oben rechts im Artikel habe ich mich in der Tat schon versucht. Leider bisher noch ohne vorzeigbares Ergebnis. Aber ich bin dran. Hab ja Zeit ...

IngoAlthoefer hat geschrieben:


PS. Wo genau findet sich das Zitat von Hilde Domin?


Da fragst mich was! Hab's entweder irgendwann mal bei der Lektüre ihrer Gedichte aufgeschnappt und quellenangabenlos im Hinterkopf gespeichert oder zB im DeutschlandfunkKultur oÄ in einem Feature gehört und schnell mitgekritzelt oder es fiel einer TV-Doku - aber frag mich nicht wo und wann genau, ich weiß es leider nicht. Ich bedauere, dir hier nicht weiterhelfen zu können.

P.S. Bin gespannt, was du zu den "Benzolringen" sagen wirst, die ich auch bald zeigen werde. Dranbleiben lohnt sich!

Herzlichen Gruß
Zyppper


Mit Gruß und Dank
Zypper

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